«Freunde sind für mich wichtiger als die Familie!»

14.12.2021
In einem persönlichen Portrait im Magazin Da+Dort erzählt die 36-jährige Feven aus Eritrea von ihrer Beziehung zur Herkunftsfamilie und von neuen Freundschaften in der Schweiz.
«Als ich gefragt wurde, für diesen Beitrag von meiner Familie und meiner Beziehung zu ihr zu erzählen, ist mir bewusst geworden, dass ich bisher kaum über diese Geschichte gesprochen habe. Ich habe schmerzhafte Erinnerungen an meine Kindheit und gleichzeitig war meine Kindheit wunderschön: Ich schöpfe immer noch Kraft aus ihr.
 
Ich bin in Äthiopien geboren und in Eritrea aufgewachsen. Zwischen der äthiopischen Familie meiner Mutter und der eritreischen Familie meines Vaters gab es von Anfang an Probleme, die sicher mit den unterschiedlichen Sprachen und Religionen zu tun hatten. Die ersten Jahre lebte ich bei der muslimischen Familie meiner Mutter in Äthiopien. Doch dann starb meine Mutter kurze Zeit nachdem meine jüngere Schwester zur Welt gekommen war. Als ich dann sechs und meine Schwester vier Jahre alt war, brachte uns unser Vater eines Tages heimlich zu seiner Mutter und seiner Schwester nach Eritrea. Er selbst hatte inzwischen eine neue Familie gegründet. Ich und meine Schwester haben also unsere weitere Kindheit bei meiner Oma und meiner Tante in Eritrea verbracht.
 
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese beiden Frauen in meinem Leben hatte. Sie haben alles für uns getan und sorgten für uns. Es ging uns gut. Meine Tante, die als Lehrerin arbeitete, hat uns adoptiert und für uns Geld verdient. Und ich liebte unsere Oma, deren Sprache ich zwar nicht verstand, die aber immer für uns kochte. Doch trotzdem war es schwer für mich, weil alles fremd war und ich meine Eltern vermisste.
 
Die wichtigste Person für mich war und ist auch heute noch meine Schwester. Sie wohnt ebenfalls in der Schweiz und hat inzwischen zwei Kinder. Seit jeher sind wir ein Team und ich kann alles mit ihr besprechen. Mit ihr zusammen bin ich aus Eritrea geflüchtet, als ich 17 und sie 13 Jahre alt war. Der Auslöser waren Konflikte zwischen den Onkeln in der Familie, die entstanden, als meine Oma starb. Ich wollte das alles nicht miterleben und floh mit meiner Schwester spontan in den Sudan. Meine Tante unterstützte uns später auf der Flucht finanziell und sagte damals und auch heute immer wieder: «Sei stark, du hast nichts falsch gemacht.» 2006 kamen wir schliesslich in die Schweiz. Zwei meiner Onkel lebten schon hier und sie halfen uns anfangs ein wenig, doch ich wollte keinen engeren Kontakt zu ihnen und nicht von ihnen abhängig sein.
 
Zu meiner Tante haben wir heute immer noch häufig Kontakt. Sie ist für mich meine eigentliche Mutter. Wir skypen mehrmals pro Monat. Im Moment beginnen ich und meine Schwester darüber nachzudenken, sie in Eritrea zu besuchen. Ausserdem habe ich eine Halbschwester in den USA, die eine ganz ähnliche Geschichte wie ich erlebt hat. Mit ihr telefoniere ich ein paarmal pro Jahr und sie hat uns auch schon besucht. Meinen Vater liebe ich als meinen Vater, aber ich habe wenig Kontakt zu ihm und kenne ihn nicht gut.
 

Inzwischen habe ich hier in der Schweiz viele weitere Menschen kennengelernt, die mir wichtig sind.

Inzwischen habe ich hier in der Schweiz viele weitere Menschen kennengelernt, die mir wichtig sind. Darunter gibt es einzelne Menschen, die etwas ganz Besonderes ausgelöst haben und denen ich ganz besonders dankbar bin, weil sie mich so gesehen und angenommen haben wie ich bin. Wenn ich an meine Familie denke, fallen mir viele Konflikte und Probleme ein, doch nun habe ich Freunde gefunden, denen ich vertrauen kann. Sie sind für mich wichtiger als die blutsverwandte Familie, weil ich sie selbst ausgesucht habe.
 
Wenn ich meiner Vorstellung von Familie ein Bild geben soll, denke ich spontan an einen grossen Baum mit starken grünen Blättern. In diesem Baum sind alle enthalten, alle Menschen und Religionen. Meine Freunde gehören ebenfalls dazu, nicht nur die Verwandten, sondern alle Menschen!»

Feven (Name geändert) ist 36 Jahre alt, stammt aus Eritrea und lebt seit 14 Jahren in der Schweiz. Sie ist gut ausgebildet, berufstätig und wohnt mit ihrem Partner zusammen. 


Zur Da+Dort Ausgabe Nr. 83 Thema Familie